Dem Freilichtmuseum Frühmittelalterdorf Unterrabnitz droht die Abrissbirne

Manche von uns fühlen sich von der Vergangenheit magisch angezogen – aus ganz unterschiedlichen Gründen: Für die einen war früher vermeintlich „alles besser“, die anderen leitet ein Interesse daran, zu erfahren, wie die Menschen vor uns tatsächlich gelebt haben. In meiner eigenen Kindheit entwickelte sich eben dieses Interesse zunächst durch den nur visuellen Vergleich von neuer und alter Architektur. Dann rückten langsam die älteren Gebäudebestände im Umkreis des Heimatortes in den Fokus, wie die teils noch mit Reet gedeckten kleineren Bauernhäuser oder ihre mächtigen Geschwister, die Haubarge: eine seit dem 16. Jahrhundert typische Bauernhausform auf der nordfriesischen Halbinsel Eiderstedt.

Es gibt dankenswerter Weise auch heute noch immer ein paar davon. Das beeindruckendste Exemplar von Haubarg (entstanden um 1764), und eines der größten Bauernhäuser der Welt wie es heißt, steht inmitten einer kleinen barocken Gartenanlage in der Marschlandschaft beziehungsweise im doch anderweitig einigermaßen bescheiden dimensionierten Dorf. Zu den Gebäuden des Heimatortes kamen dann aber auch bei Ausflügen und Reisen mit der Familie Museen und Freilichtmuseen dazu. Neben den Haubargen hatten es mir gerade die Freilichtmuseen besonders angetan. Und das haben sie bis heute.

Vor allem im vergangenen Jahr sind sie wieder zum fixen Bestandteil meiner Ausflugsplanung geworden. Und das liegt nicht zuletzt daran, dass sie mir ungemein wertvolle Dienste bei der Recherche leisten. Seit ein paar Monaten arbeite ich an einem Architektursachbuch für Kinder über das Wohnen im Altertum, das im nächsten Frühjahr als zweiter Band einer Reihe erscheinen wird. Und so fahre ich, wann immer möglich, nicht nur ungemein gern mit den Öffis aus Wien hin zu den unterschiedlichen Destinationen, schaue mir Bauweisen, Materialien, Einrichtungen, Oberflächenbeschaffenheiten oder Lichtsituationen an, sondern lerne auch außerordentlich gerne Neues dazu. Wie man Flint bearbeitet zum Beispiel, oder historische Techniken der Tonbearbeitung. Am Heimweg in der Bahn stelle ich dann zumeist noch einen kurzen Fotobeitrag für die sozialen Medien zusammen, um auch bei anderen Menschen das Interesse an einem Besuch zu regen, denn immerhin eines ist ganz klar: ohne BesucherInnen ist es unmöglich diese Einrichtungen zu erhalten!

Vor diesem Interessenhintergrund kam es, dass mir unlängst vom angehenden Volksschullehrer Florian Heiling der Besuch des Frühmittelalterdorfes Unterrabnitz im Burgenland ans Herz gelegt wurde, das ich bis dato noch nicht besucht hatte. Es liegt am Waldrand in eine Talsenke gebettet entlang des gerade leise und harmlos plätschernden Solibachs. Wir befinden uns in einem Wasserrückhaltebecken, wie kurz darauf klar wird, umringt von Fichten, Linden, Weiden und Erlen.

Für Florian Heiling und seine Kindheit war das Frühmittelalterdorf prägend. Mit der Volksschule machte er Ausflüge dorthin und übernachtete hier später auch im Rahmen von Jugendcamps: „Aktivitäten, wie Feuer machen, Stöcke schnitzen, Bogenschießen und im schlammigen Wasser baden sowie die ehrwürdigen Häuser und die Geschichte der Menschen im Frühmittelalter, aber auch die Erfahrungen in der Natur, haben bei mir einen bleiben Eindruck hinterlassen. Besonders beeindruckend fand ich schon immer die aus Naturmaterialien gebauten Häuser, die mir bei der Erforschung als kleines Kind eine gewisse Überwindung kosteten. Einerseits waren sie heimelig, andererseits aber auch unbekannt und furchteinflößend. Durch die im Inneren herrschende Dunkelheit boten sie einen gewissen ‚thrill‘ und Abenteuer. Die Freiheit, die Möglichkeit zu erkunden, wagen und erleben, über seinen Schatten springen und sich in eine frühmittelalterliche Welt zu versetzten ist für Kinder nur an wenigen Plätzen möglich. Erlebnisse, wie am offenen Feuer zu kochen, Brot zu backen usw. bieten den Kindern unbekannte Erfahrungen, die sie in der technisierten Welt kaum mehr selbst machen können. Meine Beobachtungen und Eindrücke bei diversen Veranstaltungen und Führungen haben mir bewiesen, wie wichtig es für Kinder ist, sich in die Vergangenheit zu versetzen und ‚Urinstinkte‘ spielerisch ausleben zu können. Vor allem Camps in einer für sie vollkommen unbekannten Umgebung wecken die Abenteuerlust in Kindern. Sie bringen immer wieder leuchtende Kinderaugen hervor. Deshalb sind Anlagen, wie das Frühmittelalterdorf in Unterrabnitz, so wichtig in unserer heutigen Zeit. Die diversen Erlebnisse in meiner Kindheit mit dem Frühmittelalterdorf haben mich sicher nachhaltig beeinflusst und sind vielleicht nicht ganz ‚unschuldig‘ an meiner Studienwahl als Volksschullehrer mit Schwerpunkt ‚Lernraum Natur‘.“

Die Idee für die kleine aber feine Anlage, über die ich mir nun auch selbst vor Ort einen Eindruck machen konnte, kam ursprünglich von der Gemeinde. Von Land und EU gefördert, wurde das Dorf ab 2003 in dreijähriger Kooperationsarbeit mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen des “Vienna Institute For Archaeological Science“ (VIAS) auf Basis von frühmittelalterlichen Original-Befunden errichtet. Es entstanden überdachte Bereiche mit Brotbackofen und Küche, eine abseits gelegene Schmiedewerkstatt, sowie ein Blockhaus, ein Haus in Pfostenbauweise mit Lehmflechtwänden und zwei weitere in ähnlicher Bauweise, in einer Ausführung als für das Frühmittelalter typische Grubenhäuser: Diese ins Erdreich eingetieften Häuser empfangen einen in der brennenden Sommersonne dankenswerter Weise mit einem wohltuenden Raumklima. Aber auch im Winter haben sie durch die Eintiefung ins Erdreich ihre Vorteile beim Warmhalten.

Die bäuerliche Bevölkerung des Frühmittelalters lebte in einzelnen Gehöften oder kleinen Dörfern, die aus mehreren Höfen bestanden. Die Häuser wurden, neben Lehm, Schilf und Stroh, meist fast vollständig aus Holz gebaut. Das organische Material, wenn es einmal dem Verfall ausgesetzt ist, hinterlässt keine Spuren am Boden, so wie es beispielsweise bei Steinhäusern der Fall ist, kann daher nur mit wissenschaftlichen Methoden im Rahmen von Grabungen nachgewiesen und rekonstruiert werden. Wie also kann man über und von den unterschiedlichen Bauweisen und Handwerkstechniken der Vergangenheit lernen – vor allem in einer Zeit, in der der Abriss alter Bestände zumeist ohne viel Nachdenken der Vorzug gegeben wird?

Freilichtmuseen wie Unterrabnitz setzen nicht nur wichtige Impulse zur Belebung des ländlichen Raumes, sondern sie tragen dazu bei, dass wir uns ein Bild davon verschaffen können, wie das Leben einmal war, wie gebaut wurde, mit welchen Materialien und welche Vor- und Nachteile sich daraus ergeben – gerade auch im Vergleich zu heutigen Bauweisen und Baumaterialien! Sie sind Experimentierfeld für die Archäologie und tragen zum Erhalt sowie der Weitergabe von Wissen über die verschiedensten Bau- und Handwerkstechniken bei.

Es ist mir daher ein besonderer Dorn im Auge, dass das mit Hilfe von öffentlichen Geldern errichtete Frühmittelalterdorf Unterrabnitz – mit seinen wissenschaftlich fundierten Nachbauten unseres architektonischen Kulturerbes und damit seinem Bildungsauftrag – derzeit vom Abriss bedroht ist!

Verschiedene Faktoren haben zu dieser brenzlichen Lage beigetragen. Sie dürfen aber in meinen Augen nicht der Grund für einen Abriss sein. Wesentlich ist, dass es der Gemeinde nach Angaben vom amtierenden Bürgermeister an finanziellen Mitteln, Personal, aber vor allem dem „Verein Freilichtmuseum Frühmittelalterdorf Unterrabnitz“ aktuell und ganz akut an einem Obmann bzw. einer Obfrau mangelt, der/die sich der Anlage und allen damit verbundenen Herausforderungen annimmt. Um die jährliche Instandhaltung hatte sich bisher die Dorfbelebungsgruppe “Die Solibacher” vom Verein Frühmittelalterdorf gekümmert, jedoch stehen – gemessen am aktuellen Zustand und dem Alter der Anlage – Sanierungsarbeiten an, die von den Solibachern allein nicht umgesetzt werden können.

Ich bitte daher alle, die ein wie auch immer geartetes Interesse am Erhalt dieses Freilichtmuseums haben, diesen Beitrag mit Gleichgesinnten zu teilen und gerne auch sinnvolle/kompetente Ideen kundzutun, wie der Abriss abgewendet werden und es mit der Anlage wieder bergauf gehen könnte.

Vielen herzlichen Dank,
DIin Carola Hesse

Leave a comment